Cinéma vérité
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Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre begannen Filmemacher*innen in allen Teilen der Welt, sich von den überkommenen Regeln und Techniken des ‘Traditionskinos’ zu lösen, neue Strukturen zu fordern und neue Ästhetiken zu entwickeln. Die Nachkriegszeit war in den industrialisierten Ländern von einem Wirtschaftsboom abgelöst worden, in Afrika, Lateinamerika und Asien entbrannten koloniale Befreiungskämpfe, während die westlichen Länder von Suburbanisierung und Jugendkultur geprägt wurden; und mit dem Fernsehen entstand dem Kino ein neuer Konkurrent, der dessen Rolle als Leitmedium schlussendlich übernehmen würde.
Diese globalen Erneuerungsbewegungen manifestierten sich im Spielfilm vor allem in den Neuen Wellen der 1960er Jahre; doch auch im dokumentarischen Film sind sie zu beobachten: im Free Cinema Großbritanniens, der Dokumentarfilmarbeit des National Film Board of Canada, dem Direct Cinema der Drew Associates in den USA oder dem Cinema Novo in Brasilien.
Gemein war diesen Bewegungen, dass sie sich deutlich von den als ‘propagandistisch’ und ‘bevormundend’ kritisierten Dokumentarfilmen der Grierson-Schule abgrenzten, insbesondere deren Verwendung eines allwissenden, erklärenden Voice-overs. Stattdessen bemühten sie sich – beeinflusst vom oder zumindest in Reaktion auf das Fernsehen –, in die Alltagswelt der Menschen, ihre Milieus und ihre Praktiken einzutauchen. Zu Hilfe kamen diesen Bewegungen dabei technische Entwicklungen wie tragbare Tonrekorder oder Schulterkameras, die es erstmals ohne größere Probleme erlaubten, vor Ort Synchronton aufzunehmen.
Das Cinéma vérité als französische Variante dieser Erneuerungsbewegungen steht am Kreuzungspunkt zweier Entwicklungslinien, die schließlich 1961 in dem Film Chronique d’un été (R: Jean Rouch, Edgar Morin) kulminierten: Zum einen stellt Chronique d’un été gewissermaßen die Weiterentwicklung des US-amerikanischen Direct Cinema im frankokanadischen Raum dar, wobei es sich als eine Art mobiles positionierte, das mit dem Einsatz mobiler Kameratechnik die Prinzipien eines ‘cinéma léger’ umzusetze. Zum anderen manifestiert sich in dem Film die Verbindung des französischen ethnografischen Films und der visuellen Anthropologie, die seit Ende der 1940er Jahre vom Anthropologen Jean Rouch verfolgt worden war. Zum anderen ist dies die Entwicklung des französischen ethnografischen Films und der visuellen Anthropologie, die seit Ende der 1940er Jahre vom Anthropologen Jean Rouch verfolgt worden war.
Aus dieser Kombination von visueller Anthropologie und Reportagekino ergeben sich einige deutliche Unterschiede zum Direct Cinema: Statt zurückgenommener Beobachtung sind die Kamera und die Filmemachenden des Cinéma vérité ostentativ Teil des Films; sie sind “the fly in the soup” und nicht “the fly on the wall”; die Filmemacher*innen sind mit ihrer Kameratechnik sichtbar im Bild, ihre Fragen werden gehört, ihre Inszenierungstechniken bleiben sichtbar. Das Cinéma vérité ist sich dessen bewusst, dass es nie unbeteiligt ist. Statt dies als Schwäche zu minimieren, stellt sie stattdessen die Inszenierung bewusst und selbstreflexiv in den Vordergrund. Oftmals verwischen dabei sogar die Grenzen zwischen Filmemacher*innen und Protagonist*innen: Protagonist*innen ziehen selbst los, um Interviews zu führen, Filmemacher*innen sind selbst Teil des Bildes, spielen eine Rolle, die sie gleichzeitig wieder hinterfragen. Durch diese Herangehensweise thematisieren Filme des Cinéma vérité häufig weniger die nach außen sichtbaren Rollenmuster und sozialen Konstellationen eines Milieus (wie das beispielsweise das amerikanische Direct Cinema tut), sondern versuchen gerade auch die nicht sichtbaren Aspekte der Welt, von der Psychologie der Protagonisten bis hin zu den politischen und ideologischen Bedingungen des kolonialen Befreiungskampfes, zu thematisieren.
Themen dieser Unit
Von der Romantic Tradition zur Ethnofiktion, Vom Kino-Auge zur anthropologie partagée, Vom Direct Cinema zum Cinéma vérité: Das NFB/ONF, Chronique d’un été, Der Einfluss des Cinéma vérité