[{"data":1,"prerenderedAt":676},["ShallowReactive",2],{"content-query-qOsbQDYwi4":3},{"_path":4,"_dir":5,"_draft":6,"_partial":6,"_locale":7,"title":8,"description":9,"subheader":10,"year":11,"tags":12,"citation":15,"isteaser":6,"lang":14,"url":16,"img":16,"body":17,"_type":670,"_id":671,"_source":672,"_file":673,"_stem":674,"_extension":675},"\u002Fdiskurs\u002F2007-napola","diskurs",false,"","Tut so was ein deutscher Junge?","Der Internatsfilm 'Napola' stellt die Frage nach der Verantwortung für das eigene Handeln im Nationalsozialismus.","Verantwortung und Mitleid in Napola - Elite für den Führer",2007,[13,14],"article","de","In: Margrit Fröhlich, Christian Schneider, Karsten Visarius Hg. (2007): Das Böse im Blick. Die Gegenwart des Nationalsozialismus im Film. München: edition text kritik, 219-230",null,{"type":18,"children":19,"toc":666},"root",[20,42,48,92,196,245,263,294,305,310,334,339,350,355,360,377,382,387,392,397,408,426,437,448,453,470,475,480,516,540,545,554],{"type":21,"tag":22,"props":23,"children":24},"element","p",{},[25,28,34,36,40],{"type":26,"value":27},"text","„Tut so was ein deutscher Junge?“ Diese Frage stellt die Hauptfigur Friedrich Weimer zu Beginn des Films ",{"type":21,"tag":29,"props":30,"children":31},"em",{},[32],{"type":26,"value":33},"Napola",{"type":26,"value":35}," (D 2004) seinem kleinen Bruder, als dieser aus Angst vor der Kinderlandverschickung und der Trennung von seiner Familie zu weinen beginnt. Eine beifällig gestellte Frage, sicherlich. Und doch ist es diese Frage, die auch dem heutige Publikum am meisten ins Herz sticht: Hätte ich mich damals genauso verhalten? Diese Frage, dieses ethische Problem ist es, was den Film ",{"type":21,"tag":29,"props":37,"children":38},{},[39],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":41}," prägt: Wie verhält man sich in einer Situation, welche durch die nationalsozialistische Gesellschaftsstruktur geprägt ist, wie reagiert man auf einen etwaigen Konflikt zwischen eigenem Wertesystem und auferlegten Anforderungen? Der Film ist also kaum eine historische Rekonstruktion des nationalsozialistischen Gesellschaftssystem, sondern vielmehr ein direkter Appell, nein, eine Fragestellung an das heutige Publikum: Was hättest du getan?",{"type":21,"tag":43,"props":44,"children":47},"image-figure",{"src":45,"alt":46},"\u002Fimg\u002Fdiskurs\u002F2007-napola\u002FNapola-1.jpg","Abb. 1. Friedrichs Kopf wird vermessen.",[],{"type":21,"tag":22,"props":49,"children":50},{},[51,55,57,71,73,84,86,90],{"type":21,"tag":29,"props":52,"children":53},{},[54],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":56}," arbeitet, zusätzlich zu dieser ethischen Fragestellung, jedoch auch mit einem anderen Diskursfeld, das viele der aktuellen deutschen Filme über jene Epoche beeinflusst. Der Körperdiskurs nämlich, der ja bereits in der Zeit des 'Dritten Reiches' eine prominente Rolle gespielt hat muss ebenso eingebunden werden – man denke nur an die Degradierung des weiblichen Körpers zur Reproduktionsressource, die Funktionalisierung des individuellen Körpers als einem, der sich dem 'Volkskörper' unterordnet, nicht zuletzt aber auch die Ästhetisierung des männlichen Körpers in Malerei, Plastik und Film. Benjamins Theorie der Ästhetisierung der Politik im Nationalsozialismus",{"type":21,"tag":58,"props":59,"children":60},"sup",{},[61],{"type":21,"tag":62,"props":63,"children":68},"a",{"href":64,"ariaDescribedBy":65,"dataFootnoteRef":7,"id":67},"#user-content-fn-1",[66],"footnote-label","user-content-fnref-1",[69],{"type":26,"value":70},"1",{"type":26,"value":72},"  oder Friedländers These des Kitsch- und Todeskults des Nationalsozialismus",{"type":21,"tag":58,"props":74,"children":75},{},[76],{"type":21,"tag":62,"props":77,"children":81},{"href":78,"ariaDescribedBy":79,"dataFootnoteRef":7,"id":80},"#user-content-fn-2",[66],"user-content-fnref-2",[82],{"type":26,"value":83},"2",{"type":26,"value":85}," deuten bereits an, dass beide Diskurse nicht getrennt betrachtet werden können. Scheinen nämlich ethische und Körperdiskurse zunächst auf völlig unterschiedlichenen Ebenen zu liegen, möchte ich doch argumentieren, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen den beiden. Dieser Zusammenhang besteht bereits in der historischen Realität des nationalsozialistischen Deutschlands – man denke nur an die Bedeutung des Körperlichen in der nationalsozialistischen Werteauffassung oder die Metapher des 'Volkskörpers'. Umso mehr muss man also auch auf die Wechselwirkungen zwischen beiden Diskursen in Hinblick auf heutige künstlerische Werke wie ",{"type":21,"tag":29,"props":87,"children":88},{},[89],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":91}," eingehen.",{"type":21,"tag":22,"props":93,"children":94},{},[95,99,101,105,107,111,113,118,120,125,127,132,134,138,140,145,147,152,154,159,161,166,168,173,175,180,182,187,189,194],{"type":21,"tag":29,"props":96,"children":97},{},[98],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":100}," beschreibt die Geschichte des Arbeiterjungen Friedrich, der in seiner Freizeit Boxsport betreibt. Aufgrund seiner sportlichen Fähigkeiten erhält Friedrich die Möglichkeit, sich an einer Nationalpolitischen Erziehungsanstalt – kurz ",{"type":21,"tag":29,"props":102,"children":103},{},[104],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":106}," – einzuschreiben. Gegen den Willen seines Vaters und unter dem Protektorat des Boxlehrers Vogler tritt Friedrich in die Schule ein. Dort lernt er nicht nur die hierarchischen und sadistischen Strukturen eines nationalsozialistischen Internats kennen, er begegnet auch Albrecht, zwar Sohn des Gauleiters, der Friedrich jedoch eine pazifistische Gegenposition zum nationalsozialistischen Wertesystem anbietet. Nach einem Militäreinsatz der Jugendlichen, in welchem diese einige entflohenen Kriegsgefangenen erschiessen, kritisiert Albrecht öffentlich diese Morde. Die angedrohte Strafe des Vaters führt schliesslich zum Selbstmord Albrechts. Friedrich übernimmt daraufhin entgültig die pazifistische Einstellung seines Freundes, senkt in einem letzten Boxkampf im entscheidenden Moment die Fäuste und wird schliesslich aus der Schule entlassen.\n",{"type":21,"tag":29,"props":108,"children":109},{},[110],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":112}," ordnet sich nicht nur in eine Welle deutscher Filme über die Nazizeit ein, wie etwa ",{"type":21,"tag":29,"props":114,"children":115},{},[116],{"type":26,"value":117},"Der Untergang",{"type":26,"value":119}," (D 2004), ",{"type":21,"tag":29,"props":121,"children":122},{},[123],{"type":26,"value":124},"Speer und er",{"type":26,"value":126}," (D 2005) oder ",{"type":21,"tag":29,"props":128,"children":129},{},[130],{"type":26,"value":131},"Sophie Scholl",{"type":26,"value":133}," (D 2005), sondern ist auch dem Genre der Internatsfilme zuzuordnen. Bevor wir also die Besonderheiten von ",{"type":21,"tag":29,"props":135,"children":136},{},[137],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":139}," in Bezug auf den Nationalsozialismus untersuchen, sollten wir die Beziehungen zu anderen Internatsfilmen untersuchen.\nDas Genre der Internatsfilme ist weit gefächert: Von ",{"type":21,"tag":29,"props":141,"children":142},{},[143],{"type":26,"value":144},"Mädchen in Uniform",{"type":26,"value":146}," (D 1931), ",{"type":21,"tag":29,"props":148,"children":149},{},[150],{"type":26,"value":151},"Der Junge Törless",{"type":26,"value":153}," (BRD 1966), ",{"type":21,"tag":29,"props":155,"children":156},{},[157],{"type":26,"value":158},"If...",{"type":26,"value":160}," (GB 1968), ",{"type":21,"tag":29,"props":162,"children":163},{},[164],{"type":26,"value":165},"Au revoir, les enfants",{"type":26,"value":167}," (Auf Wiedersehen Kinder, F 1987) oder ",{"type":21,"tag":29,"props":169,"children":170},{},[171],{"type":26,"value":172},"Dead Poet's Society",{"type":26,"value":174}," (",{"type":21,"tag":29,"props":176,"children":177},{},[178],{"type":26,"value":179},"Der Club der toten Dichter",{"type":26,"value":181},", USA 1989) bis hin zu ",{"type":21,"tag":29,"props":183,"children":184},{},[185],{"type":26,"value":186},"Crazy",{"type":26,"value":188}," (D 2000) oder der ",{"type":21,"tag":29,"props":190,"children":191},{},[192],{"type":26,"value":193},"Harry Potter",{"type":26,"value":195},"-Serie (USA 2001-2005): Internatsfilme bedienen sich verschiedenster Motive und Topoi, haben die unterschiedlichsten Interessen und legen die verschiedensten Schwerpunkte. Nichtsdestotrotz lassen sich einige Elemente aufzeigen, die allen, oder zumindest doch den meisten Internatsfilmen eigen sind.",{"type":21,"tag":22,"props":197,"children":198},{},[199,201,212,214,218,220,225,226,231,233,237,239,243],{"type":26,"value":200},"Eins der vermutlich wichtigsten dieser Elemente ist die Eigenschaft des Internats als geschlossener, zur restlichen Welt abgegrenzter Raum. Internate in Film und Literatur sind meist in geografisch isolierter Lage angesiedelt und unterbinden so den Kontakt von Schülern wie Lehrern zur Aussenwelt. Dieser geschlossene Sonderraum lässt sich recht leicht mit Foucaults Heterotopoi",{"type":21,"tag":58,"props":202,"children":203},{},[204],{"type":21,"tag":62,"props":205,"children":209},{"href":206,"ariaDescribedBy":207,"dataFootnoteRef":7,"id":208},"#user-content-fn-3",[66],"user-content-fnref-3",[210],{"type":26,"value":211},"3",{"type":26,"value":213}," in Verbindung bringen: Räume also, die nicht nur nach aussen hin deutliche Grenzen ziehen, sondern im Inneren auch Strukturen der Gesellschaft widerspiegeln – sei es als Negation oder als Hyperbolisierung.",{"type":21,"tag":215,"props":216,"children":217},"br",{},[],{"type":26,"value":219},"\nDurch diese Isolation von der Aussenwelt, welche sich dennoch in den Strukturen und Regeln der Schulwelt wiederspiegelt, ergibt sich eine Situation, in der dieser abgeschlossene Raum als moralischer Experimentalraum betrachtet werden kann. Ein moralischer Experimentalraum, der natürlich zunächst dramaturgisch funktioniert, der dem oder der Zuschauerin aber ein empathisches wie moralisches Problem stellt. Als Paradebeispiel eines solchen ethischen Gedankenexperiments kann sicherlich William Goldings ",{"type":21,"tag":29,"props":221,"children":222},{},[223],{"type":26,"value":224},"Lord of the Flies",{"type":26,"value":174},{"type":21,"tag":29,"props":227,"children":228},{},[229],{"type":26,"value":230},"Der Herr der Fliegen",{"type":26,"value":232},", GB 1954), verfilmt unter dem gleichen Namen (GB 1963), gelten. Während jedoch in ",{"type":21,"tag":29,"props":234,"children":235},{},[236],{"type":26,"value":224},{"type":26,"value":238}," die betrachteten Figuren – eine auf einer einsamen Insel gestrandete Gruppe von Kindern –  tatsächlich völlig isoliert ist und sich Hierarchien erst im Laufe der Zeit entwickeln, sind diese Hierarchien in ",{"type":21,"tag":29,"props":240,"children":241},{},[242],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":244}," von vornherein installiert. Und wenn auch der Kontakt zur Aussenwelt recht eingeschränkt ist, so ist es doch der Konflikt zwischen Sohn und dem aussenstehenden Vater, Albrecht und Gauleiter Stein, welcher den wichtigsten Zwiespalt dieses Filmes bildet.",{"type":21,"tag":22,"props":246,"children":247},{},[248,250,254,256,261],{"type":26,"value":249},"Mit diesem Vater-Sohn-Konflikt sind wir auch schon bei einem zweiten Topos fast aller Internatsfilme. Der Generationenkonflikt manifestiert sich dabei in zwei Varianten: Zum einen kann das Internat als Antipode zum Elternhaus gesehen werden, als Flucht vor elterlichen Institutionen, als Schritt zu einer adoleszenten Unabhängigkeit. Dies zeigt sich in ",{"type":21,"tag":29,"props":251,"children":252},{},[253],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":255}," an der Figur von Friedrich, der nach einer fruchtlosen Diskussion mit seinem Vater sich gegen dessen Willen heimlich doch für das Internat entscheidet. Eine vergleichbare Szene findet sich in dem nationalsozialistischen Propagandafilm ",{"type":21,"tag":29,"props":257,"children":258},{},[259],{"type":26,"value":260},"Hitlerjunge Quex",{"type":26,"value":262}," (D 1933): Auch hier versucht der jugendliche Hauptprotagonist, seinen Vater zu überzeugen, dass er der HJ beitreten dürfe. Doch trotz aller formalen und szenischen Ähnlichkeiten sollten die unterschiedlichen Motivationen der beiden Figuren nicht ignoriert werden: Ist Heini Völker aus Hitlerjunge Quex abgeschreckt von der Hemmungslosigkeit und Lockerheit kommunistischer Jugendgruppen, fasziniert dagegen von der Ordentlichkeit und vermeintlichen Stärke der Nationalsozialisten, gelten bei Friedrich Weimer in erster Linie ökonomische und soziale Argumente: „Und wenn du damit (mit der Schule) fertig bist, gehörst Du zur Elite. Dann brauchst' Dir um Geld keine Sorgen mehr zu machen“ (TC 9:10), erzählt der im Arbeitermilieu aufgewachsene Friedrich seinem kleinen Bruder. Diese Argumentationslinie wird schliesslich von der Internatsleitung noch unterstrichen, wenn der Rektor betont, dass die Schüler „ohne Ansehen (ihrer) Herkunft“ (TC 19:15) ausgebildet würden.",{"type":21,"tag":22,"props":264,"children":265},{},[266,268,273,274,279,281,286,288,292],{"type":26,"value":267},"Häufiger jedoch stehen Eltern und Internatsleitung gemeinsam den jugendlichen Protagonisten gegenüber. Der innerfamiliäre Generationenkonflikt wird hier übertragen und verallgemeinert in institutionelle hierarchische Strukturen, wie etwa die Schüler-Lehrer-Beziehung oder die Beziehung des Individuums zur Gesellschaftsordnung. Gerade hier stellt sich auch die wichtigste ethische Frage, wie nämlich mit diesen Hierarchien umzugehen sei. Zum einen kann man sich die eher radikale Frage stellen, ob Hierarchien generell akzeptabel sind; zum anderen ergibt sich aber auch das Problem, wie mit herrschenden Hierarchien umzugehen ist, wenn man mit deren Wertesystem nicht einverstanden ist.\nAngesichts des Alters der Protagonisten von Internatsfilmen ist natürlich auch das Thema der Adoleszenz nicht zu ignorieren. Im Gegensatz zu Adoleszenzkomödien, angefangen von ",{"type":21,"tag":29,"props":269,"children":270},{},[271],{"type":26,"value":272},"Eskomo Limon",{"type":26,"value":174},{"type":21,"tag":29,"props":275,"children":276},{},[277],{"type":26,"value":278},"Eis am Stiel",{"type":26,"value":280},", Israel 1978) und seinen Nachfolgern bis hin zu ",{"type":21,"tag":29,"props":282,"children":283},{},[284],{"type":26,"value":285},"American Pie",{"type":26,"value":287}," (USA 1999), steht jedoch das Thema der sexuellen Selbstfindung und Erfahrung oft gar nicht im Mittelpunkt. Natürlich gibt es in ",{"type":21,"tag":29,"props":289,"children":290},{},[291],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":293}," auch eine entsprechende Szene, in der die beiden Freunde Friedrich und Albrecht einigen Altersgenossinnen voyeuristische Besuche abstatten. Doch spielt diese Sequenz kaum eine Rolle in der Gesamterzählung; man hat fast den Eindruck, als diene sie eher dazu, jeglicher vermeintlichen Homosexualität zwischen den beiden Freunden eine Absage zu erteilen.",{"type":21,"tag":22,"props":295,"children":296},{},[297,299,303],{"type":26,"value":298},"Im Gegensatz zur sexuellen spielt die moralische Selbstfindung der Adoleszenz jedoch eine herausragende Rolle. Die experimentelle Phase der Adoleszenz, die herkömmliche gesellschaftliche Regeln in Frage stellt, wirkt zusammen mit dem räumlichen Experimentierfeld des abgeschlossenen Internats. Diese Konstellation von jugendlichem Skeptizismus und heterotopischem Experimentierraum des Internats führt so bei ",{"type":21,"tag":29,"props":300,"children":301},{},[302],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":304}," zu der Möglichkeit, grundlegende ethische Fragestellungen in den Raum zu werfen.",{"type":21,"tag":22,"props":306,"children":307},{},[308],{"type":26,"value":309},"Gerade jedoch die Adoleszenz, oder sagen wir ruhig einmal die Jugendlichkeit, verweisen noch auf einen anderen, dem Nationalsozialismus wie auch der heutigen Zeit äusserst wichtigen Diskurs: dem des Körpers. Der Körperdiskurs der Kulturwissenschaften – man möchte angesichts dessen Diversität eher von einem heterogenen Diskursfeld sprechen – befasst sich mit so unterschiedlichen Konzepten wie Individualität und Subjektivität, Rationalität, Körpergrenzen, Sexualität, Ekel, Tod und Endlichkeit, Materialität, ökonomischer Effektivität oder der Semantik des Körperlichen. In Anlehnungen an die Arbeiten Butlers  und Foucaults soll hier von der Prämisse ausgegangen werden, dass nicht nur ein dem körperlichen übergeordnetes 'Gender', sondern der gesamte leibliche und materielle Körper diskursiv geprägt ist.",{"type":21,"tag":22,"props":311,"children":312},{},[313,315,326,328,332],{"type":26,"value":314},"Gerade in Hinblick auf den Nationalsozialismus und seiner herausragenden Stellung des (männlichen) Körpers scheint eine solche Herangehensweise angebracht. Im Unterschied jedoch zu Butlers Konzept der Performativität oder Foucaults Diskursanalyse soll hier vor allem die ästhetische visuelle Darstellung des Körperlichen im Mittelpunkt stehen. Nicht von ungefähr schreibt Wildmann in Anlehnung an Léon Poliakov und George Mosse, dass „(i)m späten 19. Jahrhundert (...) sich Welterklärungsmodelle durch(setzen), die biologistisch denken und sehr stark auf einer visuellen Ebene argumentieren.“",{"type":21,"tag":58,"props":316,"children":317},{},[318],{"type":21,"tag":62,"props":319,"children":323},{"href":320,"ariaDescribedBy":321,"dataFootnoteRef":7,"id":322},"#user-content-fn-4",[66],"user-content-fnref-4",[324],{"type":26,"value":325},"4",{"type":26,"value":327},"  Eine fast schon groteske Umsetzung dieser Visualisierungsthese findet man in der Musterungsszene in ",{"type":21,"tag":29,"props":329,"children":330},{},[331],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":333},", in der der Körper Friedrichs nach allen Mitteln der Physiognomie und nationalsozialistischen Rassentheorie vermessen wird, bis er schliesslich ganz trocken in die Kategorie „Nordisch, Klasse 1b“ (TC 6:56) eingeordnet wird (Abb. 1).",{"type":21,"tag":22,"props":335,"children":336},{},[337],{"type":26,"value":338},"Hand in Hand mit der Quantifizierung des Körpers findet jedoch auch eine Qualifizierung statt: Körper werden nicht nur vermessen, sondern auch kategorisiert, in 'Rassen' eingeteilt, bewertet und hierarchisiert. In nationalsozialistischen Körperdiskursen finden wir hier zum einen einen utilitaristischen Zugang, der Körper aufgrund seiner 'Wirksamkeit' ordnet: den weiblichen als gebärenden, den männlichen als kämpfenden Körper. Wichtiger in den rassistischen und antisemitischen Körperdiskursen des Nationalsozialismus ist jedoch die Abgrenzung zwischen den Konstrukten des 'arischen' und 'nichtarischen', d.h. in erster Linie 'jüdischen' Körpers.",{"type":21,"tag":22,"props":340,"children":341},{},[342,344,348],{"type":26,"value":343},"Ein Faktor, der für die nationalsozialistischen Körperdiskurse äusserst bezeichnend ist, ist jedoch auch die Parallelität von individuellem Körper und dem sogenannten 'Volkskörper', wobei sich der individuelle Körper dem letzteren unterzuordnen hat. „Unsere Körper gehören nicht mehr uns allein. Sie gehören der Gemeinschaft, unserem Land und vor allem unserem Führer“, spricht Gauleiter Stein zu den Schülern der ",{"type":21,"tag":29,"props":345,"children":346},{},[347],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":349}," (TC 54:36). Körper wird hier also nicht mehr als Ausdruck von Individualität, Subjektivität oder Selbst gewertet, sondern als materialistischer Nutz-Körper betrachtet, als Objekt der Unterwerfung und Aufopferung.",{"type":21,"tag":43,"props":351,"children":354},{"src":352,"alt":353},"\u002Fimg\u002Fdiskurs\u002F2007-napola\u002FNapola-2.jpg","Abb. 2. Friedrich der Boxer",[],{"type":21,"tag":22,"props":356,"children":357},{},[358],{"type":26,"value":359},"Dieser Körperdiskurs des Nationalsozialismus muss in einem noch weiteren Zusammenhang gesehen werden, welcher die Nacktheit des Körpers betrifft. Man denke nur an die Gleichstellung von Nacktheit und Unschuld in der Genesis, Winckelmanns aufklärerischer Auffassung von Nacktheit als Ablehnung ständischer Hierarchien ('Kleider machen Leute'), der Analogie der Nacktheit mit dem ewig Schönen und Göttlichen, welche das späte 19. Jahrhundert beeinflusste, bis hin zu den Lebensreform-, Jugend- und FKK-Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts, welche Körperlichkeit und Nacktheit mit Natur und Gesundheit gleichsetzten, all diese Körperdiskurse führten letztendlich zu einer Desexualisierung von Körper und Nacktheit. Gerade diese Nacktheit ist es allerdings, die eine Verbindung zwischen nationalsozialistischen und heutigen Körperdiskursen herstellt.",{"type":21,"tag":22,"props":361,"children":362},{},[363,365,369,371,375],{"type":26,"value":364},"Die Sexualisierung oder Desexualisierung scheint jedoch einen Spalt zwischen den beiden Diskursen aufzutun. Betrachtet man die Figur Friedrich in ",{"type":21,"tag":29,"props":366,"children":367},{},[368],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":370}," (Abb. 2), die auffällig oft halbnackt gezeigt wird und auch sonst allen ästhetischen Kriterien der Nationalsozialisten entspräche, scheint eine Desexualisierung scheinheilig. Ähnlich wie in den Body-Builder-Filmen der fünfziger Jahre, die nicht zuletzt als Vehikel für eine verklemmte homosexuelle Pornografie dienten, ist der Nacktheit der nationalsozialistischen Ästhetik wie auch die der Figur Friedrichs in ",{"type":21,"tag":29,"props":372,"children":373},{},[374],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":376}," eine erotische Komponente nicht abzusprechen.",{"type":21,"tag":43,"props":378,"children":381},{"src":379,"alt":380},"\u002Fimg\u002Fdiskurs\u002F2007-napola\u002FNapola-3.jpg","Abb. 3: Albrecht, der sensible Sohn des Gauleiters.",[],{"type":21,"tag":22,"props":383,"children":384},{},[385],{"type":26,"value":386},"Die Figur Friedrich steht in ihrer Erotik allerdings nicht alleine im Film, sondern definiert sich durch ihren Partner und Gegenpart Albrecht (Abb. 3). Ist Friedrich blond und muskulös, so wirkt Albrecht eher schmächtig und wird niemals nackt gezeigt. Friedrich ist Boxer, Albrecht dagegen Schriftsteller. Geradezu übertrieben wirkt diese Charakterisierung Albrechts als eher feminin in der Eistauch-Sequenz, in der er seinen Fuss wie eine Balletttänzerin ins Wasser taucht (Abb. 4).",{"type":21,"tag":22,"props":388,"children":389},{},[390],{"type":26,"value":391},"Ganz so eindeutig ist diese Polarisierung zwischen Friedrich und Albrecht nicht: Zwar ist Friedrich nicht nur durch den Körper seines Darstellers äusserst maskulin, sondern auch durch den Boxsport noch weiter männlich konnotiert. Doch zeigen sich gerade in Hinblick auf diesen Sport bereits zu Beginn des Filmes deutliche Risse zum entsprechenden Männlichkeitsideal. Setzt man Durchsetzungswille, Haltung und Rücksichtslosigkeit als die Voraussetzungen dieses Sports, wie es zumindest im Film vermittelt wird, so zeigt Friedrich von vornherein gewisse Zweifel.",{"type":21,"tag":43,"props":393,"children":396},{"src":394,"alt":395},"\u002Fimg\u002Fdiskurs\u002F2007-napola\u002FNapola-4.jpg","Abb. 4: Fuß im Eis.",[],{"type":21,"tag":22,"props":398,"children":399},{},[400,402,406],{"type":26,"value":401},"Genau der Boxsport ist es dann auch, an dem sich Körperdiskurse und ethische Fragestellungen in ",{"type":21,"tag":29,"props":403,"children":404},{},[405],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":407}," kreuzen. „Und Angriffe von vorne nur, wenn du im Vorteil bist. Und dann aber so hart wie möglich und ohne Erbarmen, verstehst du? Diese Bereitschaft musst du haben. In diesem Moment musst du alles Menschliche aus dir raustilgen, das ganze anerzogene Mitleid und die ganze falsche Scham. Erst wenn du das kannst, bist du in der Lage, dein ganzes Potential auszuschöpfen“ (TC 33:15). Mit diesen Worten  klärt Trainer Vogler Friedrich nicht nur über die vermeintlichen Grundlagen des Boxsportes auf, sondern auch über das Körper- und Menschenbild des Nationalsozialismus. Interessant ist hier vor allem die Argumentation Voglers, dass Mitleid anerzogen sei. Diese kurze Nebenbemerkung eröffnet eine metaethische Fragestellung, welche den ganzen Film prägt.",{"type":21,"tag":22,"props":409,"children":410},{},[411,413,424],{"type":26,"value":412},"Fiktionale Texte bedeuten für Zuschauerinnen und Zuschauer auch das ständige moralische Bewerten der dargestellten Figuren und ihren Handlungen",{"type":21,"tag":58,"props":414,"children":415},{},[416],{"type":21,"tag":62,"props":417,"children":421},{"href":418,"ariaDescribedBy":419,"dataFootnoteRef":7,"id":420},"#user-content-fn-5",[66],"user-content-fnref-5",[422],{"type":26,"value":423},"5",{"type":26,"value":425},". Unterteilt man das moralische Bewerten eines fiktionalen Textes und seiner einzelnen Elemente in einen Urteils-, Gefühls-, und Handlungsaspekt – wie beurteile ich die Handlung einer Figur rational oder emotional und wie beeinflusst diese Beurteilung meine eigenen Handlungen – so besitzt der Handlungsaspekt einen anderen Status: Während die ersten beiden Evaluationskriterien als Reaktion der Zuschauerin gegenüber dem Filmtext gesehen werden können, ist das dritte vielmehr eine Aktion, ein eigenständiges sich Positionieren zwischen dem rezipierten Filmtext und der eigenen Realität.  Fiktionale Texte können daher in die Nähe von ethischen Planspielen rücken. Der Text wird hier von den Zuschauerinnen nicht nur ständig moralisch bewertet, sondern dient ihnen als eigenes Gedankenexperiment – wie hätte ich mich verhalten? –, das aber im Gegensatz zu realen Situationen ohne bedrohliche Konsequenzen bleibt.",{"type":21,"tag":22,"props":427,"children":428},{},[429,431,435],{"type":26,"value":430},"In Bezug auf eine solche moralisch-ethische Fragestellung ist die Sequenz, in der den Schülern befohlen wird, einige entflohenen Kriegsgefangenen zu verfolgen, wohl die zentralste des Films. Während Friedrich als die sonst empathisch zugänglichere Figur hier in den Hintergrund rückt, ist es Albrecht, der hier mit seinem Verhalten einen Gegenpol zum Wertebild der umgebenden nationalsozialistischen Gesellschaft bildet. So ist Albrecht nicht nur erschrocken, als den Schülern für ihren Auftrag scharfe Munition ausgeteilt wird; er ist auch der einzige, der sich entsetzt zeigt darüber, dass seine Mitschüler tatsächlich auf die Flüchtlinge schiessen, und der einzige, der dem angeschossenen Flüchtling trotz aller Aussichtslosigkeit des Unterfangens zu helfen versucht.\nAuch wenn ",{"type":21,"tag":29,"props":432,"children":433},{},[434],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":436}," sich sicherlich nicht als ausgeklügelte ethische Studie begreifen lässt, so ordnet sich der Film doch in aktuelle Diskurse um Moral und Ethik ein. Auffällig ist hierbei die Ablehnung von (vulgären) Auffassungen zweier Hauptrichtungen der Ethik: der kantianischen Deontologie und des utilitaristischen Konsequentialismus. Betont der Utilitarismus die Konsequenzen einer Handlung, so scheint Albrechts Fürsorge für den sterbenden Kriegsgefangenen moralisch falsch, da diesem ohnehin nicht mehr zu helfen ist, Albrecht sich selbst damit allerdings in grosse Gefahr begibt. Gegen eine deontologische Pflichtentugend spricht zudem die Emotionalität, die Albrecht dieser Situation entgegen bringt. Als zentrale ethische Kategorie bringt sich hier daher das Mitleid ins Spiel – weniger vermutlich im Sinne von Schopenhauers Ethik des Mitleids, als in den Ethik-Theorien der christlichen Theologie oder der neoaristotelischen Tugendethik. Das christliche Konzept der Barmherzigkeit, welches bereits in der Bergpredigt von Matthäus ausgeführt wird, und das Thomas von Aquin einer aristotelischen Position annähert, genauso wie das Konzept der Tugendethik, das im 20. Jahrhundert von Autorinnen wie Philippa Foot oder Alasdair Macintyre entwickelt wurde, können weitaus besser das Verhalten Albrechts in der Situation gegenüber dem verwundeten Kriegsgefangenen erklären: Nicht die Kalkulation auf etwaige Konsequenzen, und auch nicht die Rücksicht auf rationale moralische Regeln stehen im Mittelpunkt von Albrechts Handeln, sondern der Konflikt zwischen einer inneren, emotionalen und subjektiven moralischen Disposition – quasi einer Tugend – und der entsprechenden Situation. So lässt sich auch die für die Zuschauer eindrucksvolle Wirkung der Antwort des Kriegsgefangenen erklären: „Spasibo,  tovariš“ („Danke, Genosse“) ist keine pflichterfüllte Replike eines Sterbenden und noch weniger eine utilitaristische Reaktion, sondern eine rein emotionale, tugendhafte Dankbarkeit gegenüber Albrecht.",{"type":21,"tag":22,"props":438,"children":439},{},[440,442,446],{"type":26,"value":441},"In Bezug auf den Boxsport stellt der Film zwei entgegengesetzte Positionen gegenüber. Spricht Trainer Vogler stellvertretend für die nationalsozialistische Ethik von anerzogenem Mitleid, das auszutilgen sei, bietet Albrecht in ",{"type":21,"tag":29,"props":443,"children":444},{},[445],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":447}," eine ethische Gegenposition an, die Mitleid und Barmherzigkeit als menschliche Tugenden betrachtet. Diese Position vertritt er nicht nur in seinem Verhalten, etwa in der Sequenz der Jagd auf die Kriegsgefangenen, er artikuliert sie Friedrich gegenüber nach einem Boxkampf auch direkt: Albrecht: „Hast du kein Mitleid gehabt? Ich meine, er hing doch eh schon in den Seilen.“ Friedrich: „Wieso? Er hätte genau das gleiche mit mir gemacht.“ A: „Ich hab ihn grad draussen gesehen. Er ist immer noch nicht ganz bei sich.“ F: „Was willst du denn? Wär's dir lieber, wenn ich da draussen liegen würde?“ A: „Ich mein ja nur, dass du nicht so brutal sein brauchtest.“ F: „Gönnst du mir den Sieg jetzt oder nicht?“ A: „Schon. Aber ich frag mich halt, ob's nicht auch anders gegangen wär.“ F: „Nein, das wär's nicht.“ (TC 46:47).",{"type":21,"tag":22,"props":449,"children":450},{},[451],{"type":26,"value":452},"Friedrich orientiert sich in dieser Situation recht eindeutig an der ethischen Position Voglers. Doch deutet eine genauere Betrachtung der Boxkämpfe und ihrer filmischen Umsetzung darauf hin, dass Friedrich bereits von Anfang an dieses Problem als solches erkannt hat. In allen drei Wettkämpfen, in denen Friedrich antritt, ist der entscheidende letzte Schlag in Zeitlupe und mit abgesenkter Tonspur gefilmt. Diese filmischen Mittel lenken nicht nur die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf eben diesen Moment des finalen Schlages und den Topos der Barmherzigkeit, sie implizieren auch, dass die Figur Friedrich selbst sich bereits zu Beginn mit diesem Problem auseinandersetzt.",{"type":21,"tag":22,"props":454,"children":455},{},[456,458,462,464,468],{"type":26,"value":457},"Angesichts der Selbstmorde in ",{"type":21,"tag":29,"props":459,"children":460},{},[461],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":463}," wird die ethische Fragestellung jedoch noch komplizierter. Am Beispiel der Nebenfigur Siegfried lässt sich dies besonders deutlich skizzieren: Siegfried wird zu Beginn wegen Bettnässens von seinen Vorgesetzten als „Kameradenschwein“ und „Schande für die Gemeinschaft“ (TC 24:51) erniedrigt. Als eine scharfe Granate seine Mitschüler bedroht, wirft er sich auf sie und rettet so seine Mitschüler vor dem Tod. Entsprechend wird er nun von seinen Vorgesetzten für seine „Aufopferung für die Gemeinschaft“ (TC 52:29) gelobt. Dies entlarvt nicht nur die Scheinheiligkeit der nationalsozialistischen Ethik in ",{"type":21,"tag":29,"props":465,"children":466},{},[467],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":469},", sondern wirft auch die Frage auf, wie Siegfrieds Tat zu bewerten ist: Ist die Rettung seiner Mitschüler nicht gleichzeitig eben auch ein Selbstmord, ein Scheitern Siegfrieds vor dem nationalsozialistischem System?",{"type":21,"tag":22,"props":471,"children":472},{},[473],{"type":26,"value":474},"Deutlicher wird dies beim Selbstmord Albrechts. Dieser wird von seinen Vorgesetzten und Eltern eindeutig als Schwäche charakterisiert. Aufgrund der moralischen Position Albrechts ist die Situation jedoch weniger eindeutig: Zum einen kann man diese Tat als positiv bewerten, da Albrecht sich nicht kompromitieren lässt und seine Tugendhaftigkeit selbst in solch ausweglosen Situationen nicht aufgibt. Zum anderen stellt der Selbstmord jedoch wieder ein Scheitern gegenüber dem System dar.",{"type":21,"tag":22,"props":476,"children":477},{},[478],{"type":26,"value":479},"Gleiches gilt für die Figur Friedrich. Der Film zeigt einen Wandlungs- und Denkprozess hin zu Albrechts ethischer Position des Mitleids. Dies wird am deutlichsten in der letzten Boxkampfsequenz, in der Friedrich im entscheidenden Moment die Fäuste senkt und sich schlagen lässt. Zwar ist der innerliche, moralische Wandel Friedrichs durchaus relevant. Doch letztendlich steht er am Ende des Films dort, wo er begonnen hat. Friedrich mag innerlich gesiegt haben, indem er standhaft geblieben ist, wirklichen Widerstand konnte er jedoch nicht leisten.",{"type":21,"tag":22,"props":481,"children":482},{},[483,485,489,491,496,507,509,514],{"type":26,"value":484},"Mit diesen ethischen Fragestellungen reiht sich ",{"type":21,"tag":29,"props":486,"children":487},{},[488],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":490}," in eine Reihe neuerer deutscher Filme ein, welche vor allem die 'normalen Deutschen' in den Mittelpunkt rücken. Die Opferrolle spielt hier eine geringe, wenn überhaupt vorhandene Rolle. Die Frage der Mittäterschaft ist, im Gegensatz etwa zu Nazi-Parabeln wie ",{"type":21,"tag":29,"props":492,"children":493},{},[494],{"type":26,"value":495},"The Wave",{"type":21,"tag":58,"props":497,"children":498},{},[499],{"type":21,"tag":62,"props":500,"children":504},{"href":501,"ariaDescribedBy":502,"dataFootnoteRef":7,"id":503},"#user-content-fn-6",[66],"user-content-fnref-6",[505],{"type":26,"value":506},"6",{"type":26,"value":508},"  oder ",{"type":21,"tag":29,"props":510,"children":511},{},[512],{"type":26,"value":513},"Saló o le 120 giornate di Sodoma",{"type":26,"value":515}," (Saló oder die 120 Tage von Sodom, I\u002FF 1975), zu einer Frage der Mitläuferschaft, einer Frage des Dabeiseins geworden. Mit anderen Worten: Wie konnte man sich in ein solches System einfinden, welche verhaltenspsychologischen Erklärungen für dieses Dabeisein gibt es?",{"type":21,"tag":22,"props":517,"children":518},{},[519,521,525,527,538],{"type":26,"value":520},"Dieser Ansatz birgt einige Gefahren: Eine Rechtfertigung des 'So war's halt damals' kann man ",{"type":21,"tag":29,"props":522,"children":523},{},[524],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":526},", trotz des vordergründigen Scheiterns seiner Protagonisten, kaum vorwerfen. Der Normalisierung des nationalsozialistischen Alltagslebens im Internat – vom Segelfliegen bis hin zur Schülerzeitung – stehen Wehrunterricht, Militarismus und antisemitische Lehrstunden gegenüber, welche auf die heutigen Zuschauer entfremdend wirken und so gleichzeitig auch die Normalität dieses Alltagslebens in Frage stellen. Bedeutender ist jedoch die Distanzierung des Films von der Mittäterschaft auch und vor allem der 'normalen Deutschen', wie sie etwa Goldhagen betont",{"type":21,"tag":58,"props":528,"children":529},{},[530],{"type":21,"tag":62,"props":531,"children":535},{"href":532,"ariaDescribedBy":533,"dataFootnoteRef":7,"id":534},"#user-content-fn-7",[66],"user-content-fnref-7",[536],{"type":26,"value":537},"7",{"type":26,"value":539},". Die empathisch zugänglichen und sympathischen Figuren sind allesamt unschuldig und stehen einem übergeordneten, nationalsozialistischem System gegenüber, zu welchem sie Stellung beziehen müssen. Die Jugendlichkeit der Protagonisten befreit sie gleichzeitig von einer Mitschuld an der Entstehung des Nationalsozialismus. Zwar wird eine Sublimierung des 'Bösen' in der Figur 'Adolf Hitler' vermieden, wie sie gewisse Verführungstheorien propagieren. Doch auch hier wird die Verantwortung sublimiert, bleiben die Schuldigen auf der Seite des Anderen: Die Elterngeneration ist es, welche für dieses System verantwortlich ist. Die jugendlichen Figuren müssen nur dazu Stellung nehmen und scheitern daran.",{"type":21,"tag":22,"props":541,"children":542},{},[543],{"type":26,"value":544},"Zudem zeigt die Darstellung der erwachsenen Nationalsozialisten und ihrer Regeln deutliche humoristische, wenn nicht gar veralbernde Züge: „Wer nicht kämpfen will in dieser ewigen Welt des Ringens, der ist des Lebens nicht wert. Mahlzeit“ (TC 28:27) lautet das Eingangsgebet zum Frühstück. Die verantwortliche Elterngeneration wird so noch mehr entfremdet, die jugendliche entlastet.\nProblematisch erweist sich auch die völlige Ignorierung des Holocaust. Zwar wird Antisemitismus mit einem Zitat Luthers in einer Unterrichtsstunde kurz angeschnitten. Ansonsten findet man in dem Film, der im Jahre 1942 spielt, jedoch keinerlei weiteren Verweise. Erklären könnte man dies allenfalls durch den ethisch-psychologischen Ansatz des Films: Der Holocaust ist als Phänomen des Bösen einfach zu absolut, als dass eine empathische Einfühlung selbst in Mitläufer-Figuren möglich wäre.",{"type":21,"tag":22,"props":546,"children":547},{},[548,552],{"type":21,"tag":29,"props":549,"children":550},{},[551],{"type":26,"value":33},{"type":26,"value":553}," stellt ethische Positionen dar und wirft moralische Fragen auf. Als Internatsfilm mit seinen Topoi des abgeschlossenen Raums oder der Jugendlichkeit der Hauptfiguren gelingt es ihm, ein ethisches Planspiel für die ZuschauerInnen zu entwickeln, das sich vor allem am Konzept des Mitleids orientiert. Ergänzt wird dieses ethische Modell durch Körperdiskurse, die sich am Freundes- wie Gegensatzpaar Albrecht – Friedrich ausmachen. Durch die ethische Polarisierung zwischen Albrecht und der nationalsozialistischen Gesellschaft und durch die moralische Entwicklung der Hauptfigur Friedrich bietet der Film den Zuschauern ein Modell, das ihnen als Vorlage für die Fragestellung dient, wie man sich selbst verhalten hätte. Die Auflösung der Konflikte ist jedoch negativ: Albrecht stirbt. Und Friedrich steht zum Schluss da wie er angekommen ist: in kurzen Hosen im Schnee. Nur hoffentlich ein bisschen klüger.",{"type":21,"tag":555,"props":556,"children":559},"section",{"className":557,"dataFootnotes":7},[558],"footnotes",[560,568],{"type":21,"tag":561,"props":562,"children":565},"h2",{"className":563,"id":66},[564],"sr-only",[566],{"type":26,"value":567},"Footnotes",{"type":21,"tag":569,"props":570,"children":571},"ol",{},[572,588,601,614,627,640,653],{"type":21,"tag":573,"props":574,"children":576},"li",{"id":575},"user-content-fn-1",[577,579],{"type":26,"value":578},"Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt\u002FM. 1963. ",{"type":21,"tag":62,"props":580,"children":585},{"href":581,"ariaLabel":582,"className":583,"dataFootnoteBackref":7},"#user-content-fnref-1","Back to reference 1",[584],"data-footnote-backref",[586],{"type":26,"value":587},"↩",{"type":21,"tag":573,"props":589,"children":591},{"id":590},"user-content-fn-2",[592,594],{"type":26,"value":593},"Saul Friedländer, Kitsch und Tod. Der Widerschein des Nazismus, Frankfurt\u002FM. 1999. ",{"type":21,"tag":62,"props":595,"children":599},{"href":596,"ariaLabel":597,"className":598,"dataFootnoteBackref":7},"#user-content-fnref-2","Back to reference 2",[584],[600],{"type":26,"value":587},{"type":21,"tag":573,"props":602,"children":604},{"id":603},"user-content-fn-3",[605,607],{"type":26,"value":606},"Michel Foucault, „Andere Räume“, in: Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, hrsg. von Karlheinz Barck, et al., Leipzig 1990, S. 34-46. ",{"type":21,"tag":62,"props":608,"children":612},{"href":609,"ariaLabel":610,"className":611,"dataFootnoteBackref":7},"#user-content-fnref-3","Back to reference 3",[584],[613],{"type":26,"value":587},{"type":21,"tag":573,"props":615,"children":617},{"id":616},"user-content-fn-4",[618,620],{"type":26,"value":619},"Daniel Wildmann, Begehrte Körper. Konstruktion und Inszenierung des 'arischen' Männerkörpers im 'Dritten Reich', Würzburg 1998, S. 10. ",{"type":21,"tag":62,"props":621,"children":625},{"href":622,"ariaLabel":623,"className":624,"dataFootnoteBackref":7},"#user-content-fnref-4","Back to reference 4",[584],[626],{"type":26,"value":587},{"type":21,"tag":573,"props":628,"children":630},{"id":629},"user-content-fn-5",[631,633],{"type":26,"value":632},"Hans Jürgen Wulff, „Moral und Empathie im Kino: Vom Moralisieren als einem Element der Rezeption“, in: Kinogefühle. Emotionalität und Film, hrsg. von Matthias Brütsch et al., Marburg 2005, S. 377-394. ",{"type":21,"tag":62,"props":634,"children":638},{"href":635,"ariaLabel":636,"className":637,"dataFootnoteBackref":7},"#user-content-fnref-5","Back to reference 5",[584],[639],{"type":26,"value":587},{"type":21,"tag":573,"props":641,"children":643},{"id":642},"user-content-fn-6",[644,646],{"type":26,"value":645},"Morton Rhue, The Wave, New York 1981. ",{"type":21,"tag":62,"props":647,"children":651},{"href":648,"ariaLabel":649,"className":650,"dataFootnoteBackref":7},"#user-content-fnref-6","Back to reference 6",[584],[652],{"type":26,"value":587},{"type":21,"tag":573,"props":654,"children":656},{"id":655},"user-content-fn-7",[657,659],{"type":26,"value":658},"Daniel Jonah Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996. ",{"type":21,"tag":62,"props":660,"children":664},{"href":661,"ariaLabel":662,"className":663,"dataFootnoteBackref":7},"#user-content-fnref-7","Back to reference 7",[584],[665],{"type":26,"value":587},{"title":7,"searchDepth":667,"depth":667,"links":668},2,[669],{"id":66,"depth":667,"text":567},"markdown","content:4.diskurs:2007-napola.md","content","4.diskurs\u002F2007-napola.md","4.diskurs\u002F2007-napola","md",1780415591208]